HIRTENTÄSCHEL – EIN GRUß AUS DEM NORDEN VOM WEGESRAND
Heilpflanzen und Körperwissen aus meiner Praxis: Was das Magerblümchen mit starken Blutungen, Rückbildungstee und der Kunst des Teekochens zu tun hat
Gerne übersehen, blüht das Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) mit kleinen weißlichen Blüten am Wegesrand. Das Magerblümchen, wie es auch genannt wird, kommt genügsam selbst mit Schotter und Kies zurecht. Es fordert keinen satten Mutterboden oder feuchten, fruchtbaren Humus wie so viele andere Gewächse.
Meine Reise durch die Heilpflanzen für Frauen beginnt deshalb mit einer ziemlich unbesungenen Heldin. Einer Pflanze, die in der traditionellen Pflanzenheilkunde immer wieder dort auftaucht, wo Blutungen eine Rolle spielen.
Hirtentäschel und die Gebärmutter
In älteren Büchern über Heilpflanzen findet sich häufig die Erklärung, Hirtentäschel enthalte einen Stoff mit einer Oxytocin-ähnlichen Wirkung. Tatsächlich gibt es ältere experimentelle Untersuchungen zu physiologisch aktiven Substanzen aus Capsella bursa-pastoris, unter anderem zu einer Wirkung auf glatte Muskulatur.[1]
Heute weiß ich, diese Geschichte ist zu einfach: „Da steckt Pflanzen-Oxytocin drin und deshalb zieht sich die Gebärmutter zusammen.“ Klingt nett, aber stimmt so leider nicht, frau lernt dazu, die Wissenschaft forscht weiter.
So simpel und ordentlich hält sich Biologie leider selten an unsere Lehrbuchgeschichten.
Was wir belastbarer sagen können: Hirtentäschel hat eine lange Tradition als blutungsregulierende Heilpflanze. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA erkennt diese traditionelle Anwendung zur Verminderung starker Menstruationsblutungen bei erwachsenen Frauen mit regelmäßigen Zyklen an – nachdem ernsthafte Ursachen der Blutung ärztlich ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig sagt die EMA ausdrücklich, dass die klinische Studienlage nicht ausreicht, um daraus eine wissenschaftlich gesicherte Wirksamkeit zu machen.[2]
Das ist Pflanzenheilkunde, wie ich sie mag: weder „alles Blödsinn“ noch „es ist grün, wächst auf der Wiese, muss also ganz natürlich wirken“. Sondern genau hinschauen.
Hirtentäschel und die Kunst des Teekochens
Arbeiten wir mit Heilpflanzen, steht am Anfang immer die Frage: Welche Pflanze?
Direkt danach kommt: Welche Zubereitung? Extrakt ist nämlich nicht gleich Extrakt.
Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon in Kursen für Ärztinnen und Apothekerinnen ausgesprochen habe. In Norddeutschland lässt sich das Verständnis dafür fast immer durch die Erwähnung von Ostfriesentee wecken.
Ob Du Deinen Tee nur kurz oder deutlich länger ziehen lässt, verändert Geschmack und Zusammensetzung dessen, was am Ende in der Tasse landet. Manche Inhaltsstoffe gehen schneller ins Wasser über, andere brauchen länger. Längere Ziehzeiten bringen unter anderem mehr von den herben, adstringierenden Pflanzenstoffen in den Tee.
Das braucht man an der Küste eigentlich niemandem zu erklären. Dass ein kurz gezogener schwarzer Tee anders schmeckt als einer, dessen Blätter sehr lange in der Kanne herumdümpeln durften, weiß hier nun wirklich jede.
Und bitte oute Dich in Gegenwart ernsthafter Teetrinkerinnen niemals durch den Gebrauch eines winzigen, bis obenhin vollgestopften Tee-Eies. Die Tochter meiner emsländischen Freundin hat so ein Banausenteil mit ganzen zweieinhalb Jahren schon als „Tee-Defängnis“ identifiziert. Wie sollten Blätter und Blüten denn vernünftig vom Wasser umspült werden, wenn sie zusammengequetscht im Knast sitzen?
Ich führe diesen Diskurs jetzt nicht weiter, obwohl ich ohne Weiteres stundenlang über das Kochen von Heiltees erzählen könnte.
Denn eigentlich geht es heute um das Magerblümchen.
Gute Pflanzenheilkunde beginnt schon beim Einkauf. Bei Heilpflanzen geht es nicht nur darum, welche Pflanze wir verwenden. Es geht auch um Qualität, Verarbeitung, Lagerung und Zubereitung.
Getrocknete Heilkräuter gehören trocken, lichtgeschützt und gut verschlossen aufbewahrt. Und gerade bei einer Pflanze, die nicht täglich in jeder Küche gebraucht wird, finde ich es sinnvoller, kleinere Mengen guter Arzneibuchqualität zu kaufen, als irgendeinen großen Beutel jahrelang hinten im Küchenschrank zu vergessen.
„Natürlich“ bedeutet nämlich nicht automatisch „wirksam“. Und „enthält Hirtentäschel“ sagt über ein Produkt ungefähr so viel aus wie „enthält Trauben“ über eine Flasche Wein.
Mein Rückbildungstee aus Kieler Praxistagen
In meiner Kieler Praxis habe ich über viele Jahre nach Geburten und Schwangerschaftsverlusten eine Teemischung verwendet, die unter anderem Hirtentäschel enthielt:
- 30 g Hirtentäschelkraut (Capsella bursa-pastoris)
- 30 g Schafgarbenkraut (Achillea millefolium)
- 30 g Frauenmantelkraut (Alchemilla vulgaris)
- 10 g Ringelblumenblüten (Calendula officinalis)
Die Mischung stammt aus der traditionellen Pflanzenheilkunde und meiner langjährigen praktischen Arbeit. Von dieser Mischung zwei- bis dreimal täglich einen gehäuften Teelöffel mit kochendem Wasser überbrühen und zugedeckt sieben Minuten ziehen lassen.
Schafgarbe hieß früher nicht umsonst Blutkraut oder Soldatenkraut. Frauenmantel gehört zu den gerbstoffreichen klassischen Frauenpflanzen, Ringelblume wiederum zu den Pflanzen, die traditionell rund um Wundheilung eingesetzt werden.
Und auch hier gilt: Ein Heiltee muss schwimmen dürfen.
Einen gehäuften Teelöffel der Mischung gebe ich deshalb lieber lose in eine ausreichend große Tasse oder Kanne, übergieße ihn mit etwa 200 ml frisch kochendem Wasser und lasse ihn zugedeckt ziehen. Danach wird abgegossen.
Das Zudecken ist bei Heiltees nicht nur Marotte einer norddeutschen Frauenärztin. Gerade wenn eine Mischung ätherisch-ölhaltige Pflanzen enthält, möchte ich die flüchtigen Bestandteile möglichst in der Tasse und nicht in der Küchendunstabzugshaube haben.
Wichtig: Rückbildungstee nach einer Geburt oder einem Schwangerschaftsverlust ist dann sinnvoll, wenn Untersuchung und Ultraschallbefund unauffällig sind. Bei einem Rest Mutterkuchen in der Gebärmutter sind Heilpflanzen der falsche Ansatz. Starke Blutungen in der Wechselzeit: auch hier gilt, erst abklären, dann Pflanzen aussuchen!
Ein Tee kann begleiten. Er ersetzt keine Diagnostik.
Die traditionelle EMA-Anwendung von Hirtentäschel bezieht sich ausdrücklich auf starke Menstruationsblutungen bei regelmäßigen Zyklen, nachdem ernsthafte Ursachen ausgeschlossen wurden.[2]
Es bedeutet: Erst wissen, warum es blutet. Dann in den Pflanzenschrank greifen. Nicht umgekehrt.
Der Taschenknieper – und was Pflanzen noch erzählen können
Und dann gibt es noch eine Ebene von Heilpflanzen, die mit Pharmakologie überhaupt nichts zu tun hat. Pflanzen begleiten uns seit Jahrhunderten, sind Teil von Sagen, Märchen und Mythen und sie können Bilder liefern.
Das Hirtentäschel hat im Plattdeutschen einen wunderbaren Spitznamen: De Taschenknieper.
„Halt nicht ängstlich zu die Tasche, was nützt Dir Geld, wenn Du zu Asche“, sagt der auf großem Fuß lebende Mensch zum geizigen Nachbarn. Der Taschenknieper hält seine Börse fest geschlossen und überlegt sich gut, wofür er seine Schätze hergibt.
Das Hirtentäschel macht etwas Ähnliches. Seine kleinen herzförmigen Samenschötchen sitzen eng an den Stängeln und bewahren die Samen, bis es Zeit ist, sie loszulassen. Ich mag dieses Bild seit vielen Jahren. Nicht als pharmakologische Wirkung. Ein Hirtentäschel bringt niemandem durch irgendwelche geheimnisvollen Pflanzenfrequenzen Selbstfürsorge bei.
Aber als Erinnerung ist der Taschenknieper ziemlich gut:
- Wo möchte ich meine Kraft hineingeben?
- Was lohnt sich?
- Und wo darf das Portemonnaie meiner Zeit und Energie heute einfach einmal fest geschlossen bleiben?
Frauen sind erstaunlich gut darin, sich jahrelang großzügig an alle anderen zu verströmen, viel zu geben und sich anschließend darüber zu wundern, dass unten in der eigenen Tüte nur noch drei Krümel liegen.
Das Hirtentäschel wächst dagegen auf Schotter. Es gedeiht auf magerem Boden und hält mit seinen Ressourcen haus. Vielleicht können wir Frauen uns davon gelegentlich etwas abgucken. Und wenn Du nicht glaubst, dass diese Pflanze sich auf das Festhalten versteht, versuche im nächsten Frühjahr einmal, ihre kleinen Samenkapseln aufzuknibbeln.
Genau deshalb unterrichte ich Pflanzenheilkunde so gerne. Nicht, weil „pflanzlich“ automatisch sanft, sicher oder sinnvoll bedeutet. Sondern weil gute Phytotherapie unglaublich viel genauer ist: Hier trifft mein medizinisches Nerdtum auf Geschichten und Bilder. Pflanzen können viel Gutes bewirken, wenn wir die richtigen Fragen stellen:
- Welche Pflanze?
- Welcher Pflanzenteil?
- Welche Qualität?
- Tee, Tinktur oder Extrakt?
- Wie zubereitet?
- Welche Dosis?
- Für welche Frau?
- Und wann ist eben nicht der Zeitpunkt für einen Tee, sondern für Diagnostik?
Darüber könnte ich tatsächlich stundenlang reden – und tue das seit Jahren immer wieder:
Am 29. August gibt es meinen Basiskurs Pflanzenheilkunde. Er ist ausdrücklich auch für medizinische Laien offen. Wir beschäftigen uns mit den Grundlagen gut gemachter Phytotherapie, mit Heiltees, Qualität und Zubereitung – und natürlich gibt es erprobte Teerezepte für die Frauengesundheit.
Wer nur seinen Pfefferminzbeutel vom Discounter mit heißem Wasser übergießen möchte, darf das weiterhin tun. Aber das hat mit Pflanzenheilkunde nicht viel zu tun.
Wenn Du gerade einen Schwangerschaftsverlust erlebst und es vonseiten Deiner Frauenärztin keine Gegenanzeigen gibt, kannst Du Dir HIER den Rückbildungstee für die Gebärmutter herunterladen.
Fußnoten
[1] Oxytocin-ähnliche Wirkung: Solche Beschreibungen haben einen historischen Hintergrund. Eine experimentelle Arbeit von Kuroda und Takagi aus dem Jahr 1968 untersuchte physiologisch aktive Substanzen aus Capsella bursa-pastoris und führte unter anderem Peptide, Oxytocin und glatte Muskulatur als untersuchte Zusammenhänge auf. Das ist jedoch keine Grundlage dafür, Hirtentäschel heute schlicht als „pflanzliches Oxytocin“ zu bezeichnen. Kuroda K, Takagi K. Physiologically active substance in Capsella bursa-pastoris. Nature. 1968;220:707–708.
[2] Was die EMA tatsächlich anerkennt: Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur HMPC stuft Hirtentäschel zur Verminderung starker Menstruationsblutungen bei erwachsenen Frauen mit regelmäßigen Zyklen nach Ausschluss ernsthafter Ursachen als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein. „Traditionell“ bedeutet hier ausdrücklich: lange Anwendungserfahrung und plausible Verwendung, aber keine ausreichende klinische Studienlage für einen wissenschaftlich gesicherten Wirksamkeitsnachweis.
[3] Früher Schwangerschaftsverlust: Die aktuelle deutschsprachige S2k-Leitlinie „Früher Schwangerschaftsverlust im 1. Trimenon“ von 2024 behandelt Diagnostik sowie abwartende, medikamentöse und operative Therapie und betont auch die psychische Begleitung. Internationale Patientinnen-Informationen nennen unter anderem starke oder anhaltende Blutungen, übelriechenden Ausfluss, Fieber und zunehmende Schmerzen als Gründe für eine erneute medizinische Vorstellung.